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«Viele Fachleute müssen Pflege am Fliessband leisten»

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SPARDRUCK Schlechtere Arbeitsbedingungen haben zu mehr Burn-out- und Krankheitsfällen bei Heimangestellten geführt, sagt Udo Michel, Branchenleiter Pflege und Betreuung der Unia im Interview mit dem "der Landbote".

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in Alters- und Pflegeheimen verändert?

Udo Michel: Der Spardruck hat dazu geführt, dass die Personaldecke vielerorts sehr dünn ist. Das führt zu Arbeitsabläufen, in denen die Angestellten fast schon unter industriellen Bedingungen arbeiten müssen, das ist Pflege am Fliessband.

Sind sie unzufriedener als früher?

Ja. Die Häufung von Burn-out-Fällen und Krankheitstagen bestätigt die Arbeitslast. Viele Pflegefachleute haben diesen Beruf einmal aus sozialen Gründen gewählt und wollen den Job heute aufgeben. Eine Unia-Umfrage unter 1000 Lernenden hat gezeigt, dass sich schon während der Ausbildung fast die Hälfte in zehn Jahren nicht mehr im Job sieht, obwohl sie ihn eigentlich als sinnvoll und erfüllend empfinden. Wegen Personal- und Zeitmangel können sie nicht so pflegen, wie sie es gelernt haben und für gut und richtig erachten.

Weil sie keine Zeit haben, sich Eingehender den Bewohnern zu widmen?

Ja. Die Qualität nimmt ab, und am Ende leiden die Bewohner darunter. Wegen der Ökonomisierung der Branche steht die Effizienz über allem, und nicht mehr der Mensch.

Gilt das für alle Heime?

Praktisch für alle. Das hat mit den veränderten Finanzierungs- und Abrechnungsmodellen zu tun. Heute werden nur auf die Minute abgemessene medizinaltechnische Einzelschritte bezahlt und dessen Administrierung verschlingt viel Zeit. Die eigentliche Betreuung, etwa ein echtes Gespräch mit einem Bewohner, hat da keinen Platz mehr. Dazu kommt, dass die Löhne als zu tief gelten.

Sind sie es?

Der durchschnittliche Lohn von  Fachangestellten Gesundheit beträgt 4320 Franken. Der einer diplomierten Pflegefachperson 5217 Franken. Demgegenüber steht der Schweizer Medianlohn in Höhe von 6189 Franken. Daneben hapert es an Zulagen, erschwerend kommt hinzu, dass Arbeitnehmer ausserhalb ihrer Arbeitszeiten auf Abruf bereit stehen müssen, um für andere einspringen zu können. Das alles führt zu einem unheilvollen Mix.

Und zu Personalmangel.

Dieser besteht schon heute und wird sich in Zukunft verschärfen. Eigentlich bräuchte die Schweiz in den nächsten Jahrzehnten mehrere Zehntausend Pflegerinnen und Pfleger mehr. Momentan wird das Gegenteil bewirkt.

Der Präsident von Curaviva sagt: Der Lohndruck wird steigen, wenn sich das Personal seiner Bedeutung bewusst wird und ihn als Druckmittel einsetzt.

Er geht von einer hohen Marktmacht der Arbeitnehmer aus, weil der Arbeitsmarkt ausgetrocknet ist. Das ist aber nicht die Realität, die wir wahrnehmen. Leider sind die Leute noch zu wenig gewerkschaftlich organisiert. Und die Pflegerinnen und Pfleger haben eine enorm hohe Identifikation vielleicht nicht mit ihrem Job, aber mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Sie verbleiben deshalb oftmals an Arbeitsstellen, obwohl sie es fast nicht mehr aushalten.

Einen besseren Lohn verspricht eine Ausbildung an einer höheren Fachschule oder einer Fachhochschule. Aber können sich die Heime das auch leisten?

Wir stellen die Tendenz fest, dass vermehrt Menschen ohne diese Ausbildungen angestellt werden, um dem Kostendruck standzuhalten. Wir erleben auch, dass diplomierte Fachkräfte im Team die einzigen Höherqualifizierten sind und darum umso mehr Verantwortung tragen müssen.

Gibt es andere Anreize, um den Beruf attraktiver zu gestalten?

Ein Anreiz wäre die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familien, zumal wir zu 90 Prozent von Frauen reden. Daneben die Möglichkeit, sich permanent weiterbilden zu können, und bessere Arbeitsbedingungen in Form von Gesamtarbeitsverträgen.

Nun macht das Personal den Löwenanteil der Heimkosten aus, und die sind heute schon hoch. Gibt es eine Lösung?

Es braucht neue Finanzierungssysteme und Investitionen, um ein Altern in Würde gesellschaftlich zu gewährleisten. Die Schweiz hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine Unterfinanzierung durch den Staat. Und man darf nicht nur von den Kosten reden. Studien zeigen, dass sich die Investitionen in die Gesundheitsbranche gesamtwirtschaftlich auszahlen.

Ist mehr Spitex die Lösung?

Überlegungen zur integrierten Versorgung sind nötig. Ein Ausbau der Spitex kann ein Schritt sein oder mehr begleitetes Wohnen. Das System muss überdacht werden. Mit «Pflege am Fliessband» sind die Leute sonst nicht mehr zu halten, von der Qualität ganz zu schweigen.

Mehr Personal, Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen in Pflege und Betreuung

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Pflege und Betreuungspersonen der Gewerkschaft Unia solidarisieren sich mit den Angestellten in den Spitälern

Mehr Personal, Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen in Pflege und Betreuung

Unter dem Motto „Gemeinsam ein klares Zeichen setzen!“ findet heute in den Spitälern der nationale Aktionstag des VPOD statt. Die Branchengruppen Gesundheit und Soziales der Gewerkschaft Unia haben an ihren letzten Sitzungen beschlossen, dass sie sich mit den Angestellten in den Spitälern solidarisieren wollen, da sie selbst vom drohenden Leistungsabbau betroffen sind.

Der Alltag in Pflege- und Betreuungsberufen ist hart. Renditedenken und Sparmassnahmen nehmen zu und bestimmen den Alltag der Angestellten. In vielen Betrieben fehlen genügend Personal und Zeit, um eine individuelle gute Pflege und Betreuung zu gewährleisten. Pflege- und Betreuungsfachleute arbeiten bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Aber auch bei den Arbeitsbedingungen besteht Handlungsbedarf, Gesamtarbeitsverträge (GAV) gibt es nur vereinzelt. Auch mangelt es oft an Wertschätzung seitens der Vorgesetzten und der Gesellschaft gegenüber dieser wichtigen und anspruchsvollen Arbeit.

Gemeinsam für gute Pflege und Betreuung

Die Branchengruppen Gesundheit und Soziales der Unia fordern gemeinsam mit den Angestellten der Spitäler mehr Personal, Wertschätzung und genügend Zeit für die Pflege- und Betreuungsarbeit. Ebenfalls fordern wir allgemeingültige GAV, welche höhere Löhne, faire Zuschläge, familienfreundliche Arbeitszeiten und mehr Mitspracherechte vorsehen.

Resolution der Unia-Pflege- und Betreuungsjugend

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Wer pflegt und betreut die Zukunft? Wir!

Wir Pflege(fach)personen und BetreuerInnen lieben unseren Beruf und unsere Aufgabe. Aber 50% von uns können es sich nicht vorstellen, in 10 Jahren noch auf dem Beruf zu arbeiten. Für uns ist dies eine Folge des Spardruckes der öffentlichen Hand und unserer Betriebe. Die Verbesserung unserer Situation liegt in unseren Händen. Um unsere gesellschaftlich wichtigen Berufe attraktiver zu machen, kämpfen wir als schweizweite Pflege- und Betreuungsjugendgruppe der Gewerkschaft Unia für Verbesserungen in verschiedenen Bereichen. Gute Pflege und Betreuung brauchen gute Arbeitsbedingungen. 

Aus- und Weiterbildung

  • Auszubildende haben das Recht, tatsächlich ausgebildet zu werden. Wir brauchen mehr Zeit und fordern, nicht voll eingeplant und eingesetzt zu werden.
  • Unsere AusbildnerInnen brauchen mehr Zeit, um ihre wichtige Aufgabe auch erledigen zu können.
  • Wir brauchen eine verbesserte Aufsicht und unabhängige Anlaufstellen, die auch tatsächlich handeln, wenn wir in der Ausbildung schlecht behandelt werden.
  • Wir fordern mehr Lohn, insbesondere in weiterführenden Ausbildungen. Die vorher erarbeitete Erfahrung muss im Ausbildungslohn und nach der Ausbildung berücksichtigt werden.
  • Wir müssen schon während der Ausbildung über unsere Rechte, Pflichten und Kompetenzen als Auszubildende und als Berufstätige informiert werden. Dies muss im Lehrplan festgeschrieben sein.
  • Wir fordern regelmässige, bezahlte Weiterbildungen während der Arbeitszeit, um unsere Berufe weiterhin kompetent ausführen zu können. 

Arbeitszeit

  • Die Arbeitszeiten in Pflege und Betreuung müssen die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie gewährleisten.
  • Wir fordern gute Regeln für Schichtarbeit, beispielsweise keine Wechsel von Spät- auf Frühdienst, Einhaltung der Ruhezeiten und das Verbot von 7-Tage-Wochen.
  • Wir fordern die Einhaltung der Pausen und Pausenablösung.
  • Wir fordern griffige Regeln für Pikettdienst, für Über- und Minusstunden sowie Abruf aus der Freizeit.
  • Wir fordern mehr Ferien, damit wir uns auch wirklich erholen können.
  • Wir fordern, dass die Wochenenden vor und nach den Ferien frei sind.

Personal

  • Wir fordern Stellenschlüssel, die es uns erlauben, für unsere PatientInnen, BewohnerInnen und KlientInnen da zu sein.
  • Um die häufigen Krankheitsausfälle abzudecken braucht es gut ausgebaute Springerteams.
  • Die Sicherheit des Personals muss durch genügend ausgebildetes Personal gewährleistet werden, dazu gehören auch Weiterbildungen in Aggressionsmanagement.

Lohn

  • Wir fordern Lohngleichheit zwischen Frau und Mann.
  • Spät-, Nacht-, Wochenenddienste und Arbeit an Feiertagen sollen mit fairen Zulagen entschädigt werden.

Politik und Finanzierung

  • Wir fordern ein Ende der Subjektfinanzierung in Spitälern, Psychiatrien, Heimen und Kinderkrippen. Denn die Bereitstellung einer guten Gesundheitsversorgung und Betreuung ist Sache der Öffentlichkeit.
  • Wir arbeiten in einer Wachstumsbranche: Personenbezogene Dienstleistungen (Care-Arbeit) werden gesellschaftlich und wirtschaftlich immer wichtiger. Deshalb braucht es Investitionen in diesen Bereich.

Massives Lohndumping bei Privat Spitex-Firma

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Das private Spitex-Unternehmen lifepoint GmbH in Jona (SG) betreibt massives Lohndumping. Der Unia liegen Abrechnungen vor, wonach eine Betreuerin lediglich einen Stundenlohn von 13.35 Franken erhielt – über 5 Franken weniger, als der Normalarbeitsvertrag Hauswirtschaft des Bundes vorschreibt. Insgesamt schuldet lifepoint zwei Pflegerinnen gemäss den vorliegenden Unterlagen über 50‘000 Franken. Die Unia wird bei den zuständigen Behörden intervenieren und prüft eine Klage.

1. Nationaler Pflegejugendgipfel

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Schlechte Arbeitsbedingungen und Pflegen bis zum Umfallen: Diese Missstände gehören bei Auszubildenden, Berufseinsteigenden und Praktikant/innen im Gesundheits- und Sozialwesen zum Alltag. Junge Pflege- und Betreuungskräfte wollen dies gemeinsam mit der Gewerkschaft Unia ändern. Am ersten Nationalen Pflegejugendgipfel fordern sie mehr Personal, fairere Löhne und Massnahmen gegen die Ausnutzung von Praktikant/innen und Auszubildenden. Sie setzten mit einem Flashmob in Bern ein Zeichen.

Regionales Branchentreffen für Mitarbeitende aus Pflege und Betreuung

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Am letzten Treffen vom 16. November haben wir zusammen herausgefunden, dass es noch viel braucht, damit ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zu Stande kommt. Nun wollen wir den gemeinsamen Weg bis dorthin besprechen. Welche weiteren Schritte möchte die Branchengruppe gehen, damit wir unserem Ziel, einen allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag zu haben, näher kommen?

Die Aktionsgruppe wird die Planung der Aktionswoche , welche vom 14. März bis am 18. März 2016 dauert, vorstellen.

Das Branchentreffen findet am Montag, den 15. Februar von 19-21 Uhr im Restaurant Papagei in St. Gallen statt.

Anmelden kannst du dich bei Darius Eigenmann: darius.eigenmann@unia.ch oder 079 933 01 69

 

Weihnachtsaktion des Pflege- und Betreuungspersonals in St. Gallen

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Gute Pflege braucht gute Arbeitsbedingungen

 

Stress, Personalmangel und Lohndruck: In der Unia organisierte Pflege- und Betreuungsfachpersonen haben diesen Sonntag auf dem Weihnachtsmarkt in St. Gallen selbstgebackene Weihnachtsguetzli verteilt und dabei auf die Probleme in der Branche aufmerksam gemacht. Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und allgemeingültige Gesamtarbeitsverträge (GAV).

 

Die Pflege ist im Umbruch und die Folgen davon sind im Alltag deutlich zu spüren. Immer mehr Stress, konstante Überbelastung und steigender Lohndruck sind nur einige der negativen Veränderungen. Pflege und Betreuungsberufe sind harte Jobs. Während 365 Tagen im Jahr, auch an den Festtagen, kümmert sich das Pflege- und Betreuungspersonal um Patient/innen, Bewohnende und Klient/innen. Dabei stehen für sie eine qualitativ gute Pflege und Betreuung im Vordergrund. Dafür braucht es aber auch gute Arbeitsbedingungen.

 

Aktion auf dem Weihnachtsmarkt

Diesen Sonntag machte die Unia Gruppe Pflege und Betreuung auf diese Missstände aufmerksam. Das Pflege- und Betreuungspersonal informierte Passantinnen und Passanten am Weihnachtsmarkt über ihre Probleme. Insbesondere der steigende Lohndruck und die konstante Überbelastung wurden in den Gesprächen mit Betroffenen oft genannt. Dabei wurden intensive Gespräche über mögliche Verbesserungen geführt.

 

Die bereits aktiven Mitglieder der Unia Gruppe Pflege und Betreuung fordern ihre Arbeitskolleg/innen auf, sich aktiv an zukünftigen Aktionen zu beteiligen und freuen sich über jede zusätzliche Unterstützung.

 

Regionales Branchentreffen für Mitarbeitende aus Pflege und Betreuung

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Die am 8. September gegründete Aktionsgruppe wird die Pläne für das Jahr 2016 vorstellen. Ebenfalls werden wir auf das sehr oft angesprochene Thema Gesamtarbeitsvertrag (GAV) eingehen und gemeinsam erarbeiten, wie ein solcher zustande kommt. Wie jedesmal bietet dieser Abend aber auch die Möglichkeit, sich unter einander auszutauschen und über die Arbeit rund um Pflege und Betreuung zu diskutieren.

Das Branchentreffen findet am Montag, den 16. November von 19-21 Uhr im Restaurant Papagei in St. Gallen statt.

Anmelden kannst du dich bei Darius Eigenmann: darius.eigenmann@unia.ch oder 079 933 01 69