Unia kritisiert Bedingungen für Weesner Altersheim-Mitarbeiter

Mit der Übernahme der Pflegeheim-Kette Seniocare durch die Tertianum-Gruppe hat das Altersheim Wismetpark in Weesen eine neue Betreiberin erhalten. Die Unia kritisiert, dass sich die Arbeitsbedingungen dadurch «massiv verschlechtert» hätten. Tertianum kontert - die Gewerkschaft erzähle nur die halbe Wahrheit.

 

 

Für die Mitarbeiter des Altersheims Wismetpark in Weesen gilt seit Kurzem ein neues Arbeitsreglement. Und das bringt einschneidende Veränderungen mit sich. Für die Gewerkschaft Unia ist klar: «Die Arbeitsbedingungen haben sich mit dem Wechsel massiv verschlechtert.» Das schreibt sie in einer Medienmitteilung.

Wechsel erst jetzt augenfällig

Hintergrund ist, dass der Wismetpark nicht mehr von der Pflegeheim-Kette Seniocare betrieben wird. Diese wurde von der Tertianum-Gruppe geschluckt - der grössten Betreiberin von Pflegeheimen in der ganzen Schweiz (siehe Infokasten). Eine Anfrage bei der Tertianum ergibt, dass die Übernahme bereits eine Weile zurückliegt: «Sie geschah im Oktober 2015», sagt Kommunikationsleiterin Katja Hafner. Allerdings habe es etwas gedauert, bis man den Auftritt angepasst habe. «Die Tertianum-Homepage wurde erst vor Kurzem komplett überarbeitet und die Seniocare-Betriebe integriert, deshalb fällt der Wechsel den Leuten wohl erst jetzt auf», sagt Hafner. Für die Bewohner des Altersheims und deren Angehörige ändere sich durch den Wechsel nichts.

Neues Reglement für Mitarbeiter

Veränderungen gibt es aber für die Mitarbeiter, denn: Neben dem Aussenauftritt wurden auch verschiedene interne Angelegenheiten neu geregelt - so zum Beispiel das Arbeitsreglement: «Wir haben das Reglement der Seniocare mit dem unseren verglichen und Punkt für Punkt überlegt, welche Bestimmungen für das neue Arbeitsreglement der Tertianum-Gruppe gelten sollen», erklärt Hafner. Das überarbeitete Reglement führte prompt zu Kritik vonseiten der Gewerkschaft Unia. Einschneidend sei insbesondere die Streichung einer Ferienwoche für Arbeitnehmende zwischen 50 und 6o Jahren, die Streichung der Samstagszulagen und die Kürzung der bezahlten Pausen um 15 Minuten, schreibt die Unia. Sie fordert nun Gesamtarbeitsverträge und Investitionen in die Langzeitpflege, um die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter zu verbessern.

«Es gibt auch Vorteile»

Die Tertianum-Mediensprecherin relativiert die Vorwürfe der Unia: «Was die Unia schreibt, stimmt», sagt sie. Doch es sei nur die halbe Wahrheit: «Was die Gewerkschaft nicht schreibt, ist, dass wir die Nachtzuschläge sowie die Pikettzulagen erhöht haben und jedem Mitarbeiter, unabhängig von seinem Beschäftigungsgrad, ein Halbtaxabonnement bezahlen.» Auch die Feiertagsregelung sei zugunsten der Mitarbeiter angepasst worden: «Wir gingen vom Standortkanton mit den meisten Feiertagen aus und gewähren diese nun all unseren Mitarbeitern, unabhängig davon, wo sie arbeiten.» Für Schaffner halten sich die Vor- und die Nachteile für die Mitarbeiter im Wismetpark damit die Waage, wie sie versichert.

Keine Kündigungen nach Wechsel

Auch Sabine Mannhart sagt, die Mitarbeitenden des Wismetparks hätten durch den Wechsel zur TertianumGruppe «ganz klar gewonnen». Sie ist seit achteinhalb Jahren Geschäftsführerin des Weesner Alters- und Pflegezentrums - und hat in dieser Zeit mehr als einen Besitzerwechsel miterlebt. «Die Mitarbeitenden profitieren von besseren Pensionsleistungen», sagt Mannhart. Ihr seien auch keine Beschwerden oder negative Rückmeldungen bekannt. Es sei aufgrund der Neuregelung zu keinen Kündigungen gekommen. Trotzdem ist die Unia überzeugt, dass im Bereich der Langzeitpflege Veränderungen nötig sind (siehe «Fünf Fragen an ...»).

 

Fünf Fragen an ...

Udo Michel

Branchenleiter Langzeitpflege und Betreuung Gewerkschaft Unia 

 

  1. Die Tertianum sagt, Sie würden nur die halbe Wahrheit erzählen. Kritisieren Sie zu einseitig?
    Nein, die Fakten sind klar: Tertianum streicht den Angestellten pro Tag 15 Minuten bezahlte Pause, 21 Franken Zulagen pro Wochenende sechs Franken pro Abendschicht sowie den Arbeitnehmenden zwischen 50 und 60 eine Woche Ferien. Alleine die Streichung der Pause entspricht einer Arbeitszeitverlängerung von fünf Stunden pro Monat! Diese Massnahmen spüren die Angestellten schmerzlich. Die von Tertianum genannten Verbesserungen bewegen sich im kosmetischen Bereich.

  2. Wie beurteilen Sie die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter in der Langzeitpflege?
    Es fehlt an Personal, die Arbeitszeiten werden flexibilisiert und einseitig auf die Interessen der Betriebe ausgerichtet. Die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Familie ist kaum möglich. Dies verschärft den Personalmangel. Viele Pflegende verlassen vorzeitig den Beruf Und die Löhne sind zu tief

  3. Welche Punkte müsste ein Gesamtarbeitsvertrag beinhalten?
    Es müsste verbindliche Regeln für Arbeits- und Ruhezeiten sowie für die Schichtsysteme geben. Auch Mindestlöhne und ein Mindeststellenschlüssel müssten enthalten sein.

  4. Gewisse Gemeinden betreiben ihre Altersheime selber, andere lagern die Aufgabe aus - was macht mehr Sinn?
    Bei Auslagerungen gehen die demokratische Kontrolle und die Eigenständigkeit verloren, dies führt oft zu schlechterer (Pflege-)Qualität und Missmanagement. Alterspflege darf kein Experimentierfeld für gewinnmaximierende multinationale Konzerne und Immobiliengesellschaften werden.

  5. Sie befürchten, dass ohne Gesamtarbeitsverträge eine «Pflegeindustrie» entsteht, in der Gewinne auf Kosten der Pflegequalität und der Arbeitsbedingungen erzielt werden?
    Ja, die knappe Finanzierung führt zu Kostendruck und zur Ökonomisierung der Pflege. Betriebswirtschaftliche Konzepte aus der Güterproduktion werden auf den Menschen übertragen. Man kann aber nicht immer schneller pflegen. Wir brauchen eine Diskussion über den Wert des Älterwerdens und entsprechend über solidarischere Finanzierung sowie flächendeckende Gesamtarbeitsverträge.