Zeitungsbericht zur Frage der Heimauslagerung

In der heutigen Ausgabe des Bund erschien ein Bericht über die Auslagerung von Heimen. Konkret werden die Beispiele des Heimes Kühlwil der Stadt Bern und der WIA in Thun diskutiert.

Das Alters- und Pflegeheim Kühlewil wird saniert statt privatisiert

Immer mehr Altersheime im Kanton Bern werden privatisiert. Nicht überall verläuft das glimpflich.

Es liegt eine halbstündige Postautofahrt von der Stadt Bern entfernt, umgeben von Bäumen und Blumenwiesen und einem Weiher. Das Alters- und Pflegeheim Kühlewil steht nicht auf Berner Stadtboden. Dennoch wird es von der Stadt betrieben, als einziges und letztes Heim. Nun soll es einen Neubau erhalten, die älteren Gebäude werden etappenweise saniert. An der gestrigen Grundsteinlegung betonte die Sozialdirektorin Franziska Teuscher (GB), wie wichtig das Heim für die Stadt ist und warum es auch weiterhin von der Stadt betrieben und nicht privatisiert werden soll. «Kühlewil hat eine alterspolitische Bedeutung für die Stadt. Zudem bietet das Heim Nischenplätze für ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen, Demenz und mit Suchterkrankungen - ein Segment, das in den kommenden Jahren noch wachsen wird», sagte Teuscher.

Mehrmals war der Gemeinderat der Stadt Bern mit der Frage konfrontiert Und Pflegeheim Kühlewil nicht ausgliedere. Schliesslich hat sie in den vergangenen Jahren alle Alters- und Pflegeheime - ausser Kühlewil - in die gemeinnützige Aktiengesellschaft Domicil integriert. Dort bleibt sie aber mit zwei Mandaten im Verwaltungsrat vertreten.

Demokratische Kontrolle

Das garantiert laut Udo Michel, Geschäftsleiter der Unia Berner Oberland, eine gewisse demokratische Kontrolle. Diese sei etwa bei der Thuner Altersheim- Betreiberin Wohnen im Alter Thun AG (WIA) abhandengekommen, als die städtischen Altersheime 2007 privatisiert wurden. Seither ist es wiederholt zu Abgängen sowie Klagen über hohe Arbeitsbelastung, Arbeit auf Abruf, fehlende Pausenregelung und niedrige Löhne gekommen (siehe «Bund» vom 1. Mai). Michel sagt, der Grad an Privatisierung sei im Kanton Bern besonders weit fortgeschritten. «Der Kostendruck hat massiv zugenommen. Es gibt immer mehr Betriebe, die nur an den Profit denken. Darunter leidet die Pflegequalität», sagt Michel. Regelmässig gingen bei der Gewerkschaft Meldungen ein, die belegen würden, dass das Pflegepersonal unter immer grösserem Druck arbeiten müsse.

Weniger dramatisch sieht die Lage Peter Keller, Geschäftsführer des Verbands Berner Pflege- und Betreuungszentren. Zwar seien in den vergangenen Jahren viele Heime von Städten und Gemeinden in gemeinnützige Stiftungen oder Vereine ausgelagert worden. «Deswegen wird aber noch lange nicht das Personal ausgebeutet.» Die Heime hätten sich an kantonale Richtlinien zu halten, sonst würden sie keine Betriebsbewilligung erhalten. Die Probleme der Altersheimbetreiberin WIA in Thun will Keller nicht näher kommentieren.

Löhne weniger transparent

Für Barbara Dätwyler, Geschäftsführerin der Berner Sektion des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und -männer (SBK), liegt die Lösung in der Erarbeitung von Gesamtarbeitsverträgen (GAV). Einen solchen GAV erarbeitet der SBK derzeit mit der WIALeitung und der Gewerkschaft VPOD. Ähnlich verbindlich wie nach GAV seien die Löhne auch in staatlichen Betrieben. «In kantonalen Institutionen sind die Löhne nach dem kantonalen Lohnsystem verbindlich geregelt, während sie in privaten Institutionen teils weniger transparent sind.» Ein Problem sieht Dätwyler aber auch darin, dass die Pflege «als relativ unattraktives Arbeitsfeld» gelte. Viele Heime hätten Mühe, genügend diplomierte Pflegende zu finden.

Die Pflegenden des Heims Kühlewil indes profitieren davon, dass die Stadt das Heim betreibt. Sie seien mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden, sagt denn auch Heimleiter Christof Stöckli im Anschluss an die Grundsteinlegung. «Unsere Angestellten profitieren von Arbeitsbedingungen nach städtischem Standard. Sie erhalten etwa 0V-Vergünstigungen und können einen Rechtsdienst konsultieren. Zudem haben sie statt der 42- eine 40-Stunden-Woche und zusätzliche Feiertage.» Diese Arbeitsbedingungen verursachten dem Heim zwar Zusatzkosten. Letztlich sei dies aber zum Wohle der Mitarbeiter und Bewohner.

von Janina Gehrig